Zynthetik ¶


Die Tage

Die Tage haben nichts zu bieten
jeder einzelne tut nur so.
Alles was sie geben ist gebraucht.
Alles was sie geben wurde schon geliebt.
Jeder Hass und Zorn ist abgewetzt.

Die Tage sind nur für sich
sie drehen sich ohne Schwindel
auch das ist ein Betrug
ein kleiner Teil der Geisterbahn
die wir nennen Jahr um Jahr.

(Nummer 24 aus 365, 2012)

Die Gleichung

Wenn ich beim abschreiten der Straße,
jeden Schritt für jeden Schritt eintausche.

Wenn ich beim abschreiten der Straße,
die Luft einsammle und eintausche,
bekomme ich für jeden Schritt
mehr und mehr,
als ich in einem Jahr verdiene.
Abzüglich der Steuern,
die zahlt man immer.

(Nummer 21 aus 365, 2011)

Tränen

Lass sie fließen
Dämme errichten sie,
Wegsperren und Zoll.
Wir werden erhoben
zum Glück,
bis niemand mehr muss.

Lass sie fließen
Lass sie fließen
Lass sie fließen
Niemand kann dir
ein Glas Wasser reichen.

(Nummer 20 aus 365, 2011)

A writer - and, I believe, generally all persons - must think that whatever happens to him or her is a resource. All things have been given to us for a purpose, and an artist must feel this more intensely. All that happens to us, including our humiliations, our misfortunes, our embarrassments, all is given to us as raw material, as clay, so that we may shape our art.

Jorge Luis Borges (via deadwriters)

Nimm

Nimm mich hin,
verteidige mein Antlitz
vor meiner Missachtung.

Voller Sturheit,
bring ich Dich um
Deinen Verstand.

Aus Selbstschutz
und Größe.
Ob es passt oder nicht.

Also nimm mich hin,
ertrage das Gewicht
meiner Vorwürfe.

Ziellos, haltlos,
voller Furcht und Güte.
Einfach doof.

(Nummer 19 aus 365, 2011)

When I cannot see words curling like rings of smoke round me I am in darkness—I am nothing.

Virginia Woolf (via deadwriters)

Ehegelübde

Deine Einsamkeit ist der Kuss, 
den ich hoffe jeden Tag zu spüren.
Deine Tränen benetzen meine Zunge, 
retten mich vor dem sicheren Tod.
Dein Kummer ist die Fürbitte, 
die ich brauche um an mich zu glauben.
Denn nur im Leid versichert sich 
unsere Liebe vor dem Grauen guter Tage.

(Nummer 18 aus 365, 2011)

Endlagersuche

Nimm mir nichts aus meinem Herzen,
lass mir meine Sprache, lass ab und zu
etwas aus meiner Welt fliehen. Nur jetzt 
und wir können einen Vertrag schließen,
der mich befreit, vom Wunsch und Zwang, 
alles von dir in meinem Herzen zu fangen.  

(Nummer 14 aus 365, 2011)

Ich versuch es.

Einfachheit steckt im Detail.
Glaubst Du mir nicht?
Ich versuch es Dir zu erklären.

Liebe stellt keine Fragen.
Wieso ich das glaube?
Ich versuch es Dir zu erklären.

Traurigkeit kommt und geht.
Wer glaubt daran?
Ich kann es Dir nicht erklären. 

(Nummer 16 aus 365, 2011)

Lipgloss

Blutrote, plastinierte Lippen.
Verzweifeltes Suchen,
nach Nähe, nach Berührung.
Nachlässig lässig, verflucht
zur Liebe, anziehend und kalt.

Entsetzlich versteckter Moment.
Enttäuschend, ausgeliefert,
hilflos und misstrauisch.
Fassungslos vorwärts tastend,
weiter und weiter. Den Schein
hinwegwaschen, voller Gier.

(Nummer 15 aus 365, 2011)

Verlieren

Ich möchte das es regnet,
ich möchte hören wie der Regen gegen die Scheiben schlägt,
wie die zarten durchsichtigen Tropfen an der Scheibe zerplatzen.

Dabei sollte ich frieren. 
Ich sollte spüren, wie das Gewitter seine kalten Klauen 
durchs Fenster fest um meinen Hals legt und zudrückt,
mir die Gänsehaut aus dem Leib presst,
damit ich fühle,
damit ich spüre, wie sicher die Machtlosigkeit ist 
und wie unsicher der Erfolg. 

Aber hier drin ist es viel zu warm
und das Wetter weint keine Träne um meine Träume. 
Nie passiert mir etwas Gutes.

(Nummer 11 aus 365, 2011)

The writer’s duty is to keep on writing…

William Styron (June 11, 1925 - November 1, 2006)

(Quelle: deadwriters)

Ausverkauft

Der Supermarkt hat bis um zehn auf.
Die Musik, die ich in meinen Kopf zwinge
ist die Atemmaske für meine Augen. 
Der Feierabend der Angestellten, wird 
nur von den Öffnungszeiten gestört. 

Junge Mitarbeiterinnen, klimpern herum
auf gemeinsam verstimmten Instrumenten,
füllen Regale mit auf Haut gemalten Jeans
und plappern, vom plappern der Plapperer.
Der Filialleiter steuert seine Wünschelrute
durch die feuchten Auslagen. Sein Blick
weiß weiß weiß weiß weiß weiß weiß weiß. 

Der Käse den ich kaufen will ist aus,
wie das Pesto das ich mag, mit Paprika
und Hoffnung fehlt in den engen Gängen.
Ich werde nie einen Porsche 924 fahren. 

(Nummer 10 aus 365, 2011)

Whether or not you write well, write bravely.

Bill Stout (1927- 1989)

(Quelle: deadwriters)

Nimm’s hin

Wieder hier stehen kannst Du nicht.
Dein Gesicht könnte verloren gehen,
wenn Dein Blick aus den Wolken fällt.

Könnte dein Ansehen nur blickdicht sein.
Dann wäre der Spiegel gegenüber blind.
Er ist es nicht.
Nimm’s hin, nimm’s hin.

So, Absatz.

Jetzt konzentrier dich auf die Falten,
sie sind die letzten Geschenke.
Schau auch ruhig ins Maul, niemand da.
Außer Dir,
und Deinen Ahnungen vom Nichts. 

(Nummer 8 aus 365, 2010)

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